Das sind Prioritäten. Presseurop hat diese Woche nicht geruht, über die langsame EU-Reaktion auf die pakistanischen Überschwemmungen zu berichten. Diese – es ist wahr – rollt jetzt an. Aber mit dem Start der Hilfsaktionen trifft die Union schon auf das nächste Problem: Keiner sieht sie!

Wandert ein Hilfssack auf dem TV-Bildschirm von einer Hand in die andere, dann prangen dort die amerikanischen Stars and Stripes, vielleicht mal ein UN-Kranz, mit Sicherheit ein Rotes Kreuz, nie aber darf der spendenzufriedene Europäer sich über ein Paket, sauber beflaggt mit gelben Sternen auf blauem Grund freuen. Die Organisationen, die sich um die Verteilung der EU-Hilfe kümmern, haben eben ihre eigene Marke zu propagieren.

Das stößt in Brüssel mittlerweile so sehr auf, dass das Sack-Problem seinen Weg bis zur Kommissarin für Humanitäre Hilfe und Krisenreaktionen, Kristalina Georgieva, gemacht hat. Sie will europäische Hilfe in Desasterzonen besser sichtbar machen, berichtet Euractiv:

"Europas Sichtbarkeit in den Vordergrund zu rücken und sicherzustellen, dass die EU-Flagge flattert, wenn die EU sich im Ausland befindet und bedürftigen Menschen hilft, sei in den Augen der Kommissarin äußerst wichtig. Dies gelte insbesondere nun, da die Wirtschafts- und Finanzkrisen noch nicht vorbei seien, es für die Menschen von hier schwierig sei und sie auch noch ihre eigenen, heimischen Katastrophen zu bewältigen hätten, so die Kommissarin."

Daher heißt die Losung jetzt: Organisationen, hisst die Flagge! Und zwar die europäische. Arbeitet die EU jetzt nach dem Motto "Erst die Flagge, dann die Hilfe?" Ob auch nur eines der zwanzig Millionen Flutopfer beim Anblick von Europas Banner Wärme in seinem Herzen verspürt ist zweifelhaft.

Dass Europa als gewöhnlich eher großzügiger Katastrophenhelfer etwas für sein Image tun will, ist verständlich. Inmitten der Klagen über das europäische Pakistandebakel ist die Fahnenversessenheit der Kommissarin aber mehr als ein Störgeräusch im Fluss der offiziellen Beteuerungen. Also: Flaggenpflicht oder der Schacht macht Schicht?

Zu Hause jedenfalls ist die EU in Sachen Marketing gerade aktiv geworden, berichtet das Parlament. Soeben investierte sie sechs Millionen Euro für Kugelschreiber, Kaffeetassen, T-Shirts, USB-Sticks, Regenschirme oder Mousepads. Mit Europaflagge.