Es ist schon verwunderlich. Da zerrt die Presse Missstände ans Tageslicht. Veruntreuung öffentlicher Gelder, Verschwendung öffentlicher Gelder, Missbrauch öffentlicher Gelder. Tiefer und tiefer sinkt der Präsident in den Korruptionssumpf. Zwei Minister treten zurück. Frankreich hat eine Staatsaffäre. Und die Presse? – Ihr wird Populismus vorgeworfen!

Zurück zum Anfang, denn die Liste der in den letzten Wochen bekanntgewordenen Missstände ist beeindruckend:

Da war zunächst Christian Estrosi, Industrieminister mit zwei Geschäftswohnungen. In einer wohnte seine Tochter. Das berichtete das Satireblatt Canard enchaîné am 18. Mai. Da war Rama Yade, Sport-Staatssekretärin, die erst die teure Unterkunft der französischen Nationalelf in Südafrika kritisierte (500 Euro die Nacht) und dann selbst in einem noch unerschwinglicherem Fünf-Sterne-Hotel vor Ort logierte (667 Euro die Nacht; 15. Juni). Christine Boutin, Ex-Stadtbauministerin, die nach kritischen Berichten auf ihr monatliches Zusatzgehalt von 9.500 Euro für ihre Mission zu den "Soziale Folgen der Globalisierung " verzichtete. Stadt-Staatssekretärin Fadela Amara, die Freunde in ihrer Dienstwohnung beherbergte, die sie selbst nie benutzte (1. Juni). Alain Joyandet, Staatssekretär für Kooperation, trat zurück, nachdem enthüllt worden war, dass er eine illegale Baugenehmigung für sein Haus in St. Tropez bezog. Ein anderer Staatssekretär, Christian Blanc, ließ sich vom Staat für 12.000 Euro Zigarren bezahlen. Auch diese Information kam aus dem Canard enchaîné, auch Blanc trat zurück.

Diese beiden Rücktritte sollten dabei nur noch größeres Übel abwenden, den Rücktritt eines Schlüssel-Manns Nicolas Sarkozys, der einst Wahlkampf mit der "République irréprochable" machte, der einwandfreien Republik. Sein Arbeitsminister Eric Woerth, der in dem Verdacht steht als Schatzmeister der Regierungspartei mit der milliardenschweren Steuerflüchtigen L'Oréal-Frau Bettencourt gemauschelt zu haben.

Die meisten dieser Informationen brachte also der Canard enchaîné ans Tageslicht, eine Institution des investigativen Journalismus in Frankreich, dessen Redakteure gut bestückte Adressbücher pflegen und wöchentlich "Lecks" aus den Ministerräten, Parteigremien und mondänen Abendessen sogleich ins Blatt bringen. Nur, dem Canard enchainé wurde nun Populismus vorgeworfen. Das Blatt wolle sich mittels des täglichen politischen Kleinklein einen weißen Fuß bei den Lesern machen.

Sogar politische Standbilder vom Kaliber einer Simone Veil oder Michel Rocard jammern in Le Monde "Stoppt das Feuer", und bewerten die harsche Debatte, das Denunzieren und Verfolgen zwischen politischen Konkurrenten ", die nichts anderes wollen, als sich gegenseitig fertig machen" als unwürdig und eine Gefahr für die Republik (einer der Erfinder der französischen Republik, Robespierre, schlug für Vergehen wie die Veruntreuung öffentlicher Gelder übrigens die Todesstrafe vor).

Dabei hat der Canard natürlich mit seinen Nachforschungen nur die Arbeit der Presse in einer Demokratie gemacht. Daran erinnern zu müssen, sagt viel über Frankreich aus. Gewiss hat er diese Informationen gesteckt bekommen. Sicher stehen dahinter auch gezielte Racheakte alter Konkurrenten. Natürlich, wenn die Journalisten sich ruhig verhielten, dann fände sich Frankreich und seine mit goldenen Privilegien gespickte Regierungsmannschaft jetzt nicht in den Lachspalten der internationalen Presse wieder.

Populismus aber ist das sicher nicht. Und auch kein Komplott gegen die Demokratie. Dass sich so zahlreich die Stimmen gegen die Journalisten erhoben, ist dagegen unheimlich. "Demagogie, das ist das Wort, das Demokraten gebrauchen, wenn die Demokratie ihnen Angst macht", diesen Satz sollten sich einige Pressekritiker derzeit unters Kopfkissen legen. Denn ihr beschriener Populismus informiert seinen Namensgeber, das Volk, schlicht über Dinge, die von höchstem Interesse sind. Währenddessen sehnt sich der Volkssouverän, der derzeit zahlreiche Fernsehreportagen (wieder so ein populistisches Komplott) über das Vorbildland in Sachen Transparenz – Norwegen – verfolgen kann, nach "Zuständen", die anderswo "normal" sind.