Mio. Mia. – Miau!
In den Nachrichten geht es nur noch um Milliarden. Unter der Milliarde geht nichts mehr. Nur sie, mit ihren neun Nullen, spannt die rettenden Schirme über Kontinenten auf, oder schnürt so ein echtes nationales Rettungspaket. Was ist nur aus der Million geworden? Wie kamen die ganzen Nullen ins Spiel? Im Magazin der Süddeutschen stellt Max Fellmann fest: Irgendwann war die Million einfach weg. Es ist Zeit für den Abschied.
Dabei war die Million das Maß der Dinge. Nun ist sie passée? Selbst der Tellerwäscher, der Millionär wurde, nur noch ein schmalspurkapitalistischer Traum aus einem anderen Zeitalter?
Mein irischer Kollege zitiert leuchtenden Auges seine einstmals geliebte Serie, den "Six Million Dollar Man", – dafür gab's in den 70ern noch eine komplette Mensch-Maschine. Auch für mich gehörte das D-Mark-Papier mit (lächerlichen) drei Nullen und Johannes Scheyring drauf, das mir einst am Bankschalter mit feierlicher Miene vorgeführt wurde, einzig in die Welt von Frankfurter Herren mit Aktenkoffern.
Und jetzt gibt es kein Halten mehr, auch kein Innehalten. Die Nullen reihen sich unaufhaltsam aneinander. Der Bankenrettungsschirm, 500 Milliarden Euro, ist bereits neuere Geschichte. Die eben beschlossene Griechenlandhilfe (wie viele Milliarden?) nur noch Erinnerung. 750 Milliarden: Das ist der EU-Rettungsschirm. Wissen wir, ist aber nur noch Kulisse. Weiter: 150 Milliarden Euro. Das sind 16,7 Billionen Yen, und die investierte eine Tochter der Deutschen Bank aus Versehen in Verkaufsaufträge in Derivate auf den Leitindex Nikkei. Das ist eine "MilliardenPANNE" und löste in Japan beinahe einen Börsencrash aus. Letzte Zahl: BP in der Ölkrise verzeichnet einen Wertverfall von 42 Milliarden Pfund. – Diese Zahl ist schon zwei Tage alt und wahrscheinlich nicht mehr aktuell, außerdem in Pfund, heißt, in Euro ist die Summe noch höher. Na, ein bisschen zumindest.
So schnell wie die Verwirrung wächst die Abschalt-Wahrscheinlichkeit. Kein Wunder. "Wir Menschen sind einfach nicht dafür gemacht, solche großen Zahlen uns vorstellen zu können", sagt der Mathematiker Albrecht Beutelspacher im D-Radio. Beutelspacher macht Nebensätze wie "zwischen einer Million und einer Billion ist ein solcher Unterschied, dass eine Million nur ein Tausendstel Promille einer Billion ist" und erklärt sehr klar wie viel "ein bisschen" manchmal sein kann.
"Wenn man ein Haus kauft oder verkauft, dann ist man in der Endphase auch relativ großzügig, da mal 10.000 Euro hin- und herzuschieben, obwohl das richtig viel Geld ist. Und genauso ist das natürlich mit diesen großen Größenordnungen. Ich bin auch der Überzeugung, die Politiker sind einfach irgendwann froh, wenn man zu einer Entscheidung kommt, so kurz vor einer Entscheidung ist man auch sehr, sehr kompromissfähig." – Eine Milliarde rauf oder runter – menschlich. Klar. Ernsthaft!
Aber, ach, natürlich lauert da dieselbe Falle, warnt Beutelspacher. "Genau so wie beim Gebrauchtwagenkauf, da kann man auch über den Tisch gezogen werden oder sich selber eine Falle stellen." Und deswegen, fordert er auch, dass auf dem dünnen Eis des Milliardenkalküls Schutz-Mechanismen eingezogen werden, damit wir nicht ganz große Fehler machen; selbst wenn die wahren Akteure besser gerüstet seien. Denn in der "Normalhaushaltssituationen wissen Politiker, also Minister schon ziemlich genau, was eine Million ist. Die wissen nämlich genau, wie schwer es ist, eine Million vor dem Finanzminister zu retten oder ihm gar wegzunehmen."
Da ist sie wieder, die Million.
Aber zurück zur Bildersprache, um das zwischen Mio. und Mia. blockierte Hirn wieder in Bewegung zu setzen. Besagter EU-Rettungsschirm, ein legeres Stück Polyester im täglichen Leben, würde in seiner kontinentalen Komplett-Version 1.800 Tonnen wiegen, in Scheinen. Oder, würde man die Scheine übereinander stapeln, 750 Kilometer lang sein. – Eine einzige Sicherheit von Berlin nach Zagreb oder Hamburg nach Wien.
Bis nach Australien reicht das nicht. Dabei lohnt sich die Reise. Unsere Milliardenkrise wurde dort soeben brillant erklärt, von den Komikern Clarke and Dawe. Und zwar im Modus von "Wer wird Millionär?". Da liefert der Kandidat mit entwaffnender Klarheit eine Analyse der Eurokrise. Am Ende wird der Held aber unweigerlich zum Verhöhnten. "Sie haben eine Million Dollar verloren", verkündet ihm der Moderator, anerkennend. Verloren? "Warum beschweren Sie sich – Es könnte mehr sein".

