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21-Stunden-Woche

Mit Muße gegen den Bankrott

11. März 2010

Man braucht nicht Deutschlands Vorzeige-Powerfrau nach überstandenem Burn-out zu sein, um sich an manchen Montagen direkt ins Wochenende zu wünschen. Auch die Angst um den Arbeitsplatz, die in der Wirtschaftskrise zu heftigem Schuften antreibt, muss nicht ewig als Stundentreiber im Job dienen. Wer von ausgedehnter freier Zeit träumt, und ihre Bedeutung im Leben eines Menschen schätzt, zog bisher zu seiner ökonomischen Verteidigung gerne Marx heran. Schließlich malte dieser ein Weltenbild mit Bürgern, die morgens zur Jagd gingen, abends Vieh züchteten und sich nach dem Abendessen in Literaturkritik versuchten. Auch John Meynard Keynes bot Rückenstärkung. Er sagte den Briten für den Anfang des 21. Jahrhunderts eine Wochenarbeitszeit von 15 Stunden voraus.

Beide Meister passen nicht wirklich zur Realität unserer heutigen Arbeitswelt. Heute wird sogar viel länger gearbeitet als vor 30 Jahren. Beispiel Frankreich, einem laut der OECD produktivsten Länder der Industriestaaten. Hier entsprach die Zahl der von Nicolas Sarkozy ermutigten Überstunden im Jahr 2009 402.000 Vollzeitstellen. Und die OFCE, die französische Beobachtungsstelle für Konjunktur, schätzt die Zahl der zerstörten Arbeitsplätze 2010 auf 150.000 bis 200.000 (die Regierung geht von 75.000 Stellenstreichungen aus). Die Franzosen arbeiten zuviel.

Teilen und verteilen - weniger wird mehr

Und abermals eilen britische Wirtschaftswissenschaftler den Vertretern der Arbeitszeitverkürzung zu Hilfe. Die Rechnung des Wissenschaftler der nef (New Economics Foundation) ist einfach: Heute sind die einen überarbeitet (von der Arbeitsintensität oder der Stundenzahl her), andere scheitern dabei, einen Job zu finden. Im Zukunftsbild des britischen Think tanks lösen sich beide Probleme, indem sich die Anzahl der an den Schreibtisch geketteten Stunden auf 21 pro Woche reduziert. 21 Stunden entsprechen laut ihrer im Februar erschienenen Studie einer optimalen Verteilung der Arbeitslast. Überstunden würden abgebaut, die Arbeitslosigkeit abnehmen. Männer und Frauen könnten unbezahlte Verpflichtungen wie Kindererziehung gerechter unter sich aufteilen.

Teilen – Die Idee ist nicht neu. Nirgendwo. Das Argument der Freizeit im Leben eines Arbeitnehmers wurde schon 1998 von den französischen Sozialisten herangezogen, als sie die 35-Stunden-Woche einführten. Der Erfolg war mäßig. Vor allem bei Arbeitnehmern mit Niedriglöhnen weckt die Erinnerung kein Bild der Idylle. Aber die Franzosen wurden oft dafür bewundert, mit ihrer Wirtschaftspolitik die große Frage neu gestellt zu haben: Wozu ist Arbeit da? Wieviel Freizeit verdient unser Leben?

Klimawandel zwingt zum Umdenken

Der nef-Bericht stellt die alte Frage neu. Stimmt. Aber er pflanzt sie ins Hier und Jetzt. Seine Forderung nach Arbeitszeitverkürzung begründet er nicht mit einem "besseren Leben", wie etwa Marx es tat. Heute zwingen uns Klimawandel und Erderwärmung zum Umdenken, sagen die Wissenschaftler: Arbeit bringt Geld. Geld ist zum Konsum da. Unser Konsumdenken jedoch müssen wir entlang neuer Richtlinien der CO2-Armut neu definieren. Weniger Konsum, weniger Arbeit heißt damit die einzige langfristig nachhaltige und tragbare Option.

"Die Bedrohung durch den Klimawandel zwingt uns zu einer drastischen Verringerung unserer CO2-Emissionen, zu einem Einschnitt in unserem Verbrauch energieaufwendiger Güter, in unser Kaufverhalten. Und zu einer neuen Auffassung davon, wie viel genug ist. Die Wirtschaftskrise hat Millionen in die Arbeitslosigkeit oder Unterbeschäftigung gestürzt, während immer mehr andere überarbeitet sind und mit der Vereinbarung von Privat- und Berufsleben zu kämpfen haben. Die wachsende Armutsschere hat eine fragmentierte Gesellschaft geschaffen. Das Wohlbefinden – vor allem von Kindern – ist niedrig. [...] Eine stark gekürzte Arbeitszeit, und damit eine gleichmäßigere Aufteilung unserer bezahlten und unbezahlten Zeit, würde uns dabei helfen, ein umweltverträglicheres, befriedigenderes Leben zu leben", schreibt Ökonomin Anna Coote im Guardian.

Wann sind wir reif für den Abschied vom Wachstum?

Und noch eine andere britische Initiative ruft uns im Desaster von Politik und Ökonomie zu, wir müssten jetzt mal über Moral reden: Citizen Ethics Network organisiert auf ihrer Website eine Debatte darüber, was wem zusteht, und welche Ethik nötig wäre, damit "Menschen ihr Potential ausschöpfen" (Bericht in der Süddeutschen Zeitung vom 11. März). Darin, eine Diskussion zwischen dem Ökonom Robert Skidelsky und seinem Sohn, dem Philosophen Edward Skidelsky. Sie streiten über die These von Keynes, der das Jahr 2030 als den Moment festsetzte, an dem die Wirtschaft die wichtigsten Bedürfnisse befriedigen werde und kein Wachstum mehr nötig sei. Die Frage im Hintergrund: Inwiefern haben wir uns auf Gedeih und Verderb an das Wachstum und seine verheerenden ökologischen Folgen gebunden?

Der Wandel könne sich – im Gegensatz zu Frankreich – sanft, im Laufe eines oder mehrerer Jahrzehnte vollziehen, ermutigt nef-Ökonomin Coote. "Was Menschen für normal halten, kann sich manchmal schlagartig ändern – siehe das Rauchverbot in Gaststätten."

Carolin Lohrenz 

Bild: John Fraissiniet/Flickr

 

Zum Weiterlesen:

Stellen streichen schadet den Unternehmen. Artikel des Stanford-Professors Jeffrey Pfeffer in Newsweek (en)

Wo sind die ganzen Jobs hin? Politik-Blogger Kevin Drum in Mother Jones (en)

Schuld ist die Immobilienblase. US-Ökonom Dean Baker im Guardian

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