Das Wesen des Kamels
Ein Franzose, ein Engländer und ein Deutscher wurden eines Tages beauftragt eine Studie über das Kamel zu verfassen. Der Franzose begab sich in den Jardin des Plantes [Zoologischen Garten], verbrachte dort eine halbe Stunde, sprach mit dem Wärter, warf dem Kamel ein wenig Brot zu, ärgerte es mit der Spitze seines Regenschirms und ging dann nach Hause um ein ganze Reihe voller pikanter, spiritueller Eindrücke zu verfassen. Der Engländer nahm seinen Teekorb, reichlich Camping-Ausrüstung und schlug sein Zelt in den Ländern des Orients auf. Dort verbrachte er zwei Jahre und brachte ein dickes Werk voller Fakten ohne Struktur noch Schlussfolgerung, aber dafür von echtem dokumentarischen Wert mit. Was den Deutschen angeht, so war er niedergeschmettert von des Franzosen Frivolität und bestürzt über des Engländers Mangel an Leitgedanken, er schloss sich in seine Kammer ein und schrieb ein mehrbändiges Werk mit dem Titel: "Die Idee des Kamels abgeleitet von der Ich-Anschauung".
Am Anfang steht ein Witz, erschienen im Pèlerin vom 1. September 1929. Hier wird der Nagel auf den Kopf getroffen, meint der französische Philosoph und ehemalige Bildungsminister Luc Ferry. Zu einer Zeit, in der dem Vernunftpaar Merkel-Sarkozy wieder einmal exklusive Mauscheleien bei der Ernennung des EU-Ratspräsidenten und der Hohen Repräsentantin vorgeworfen werden, sieht er in der Kamelgeschichte nicht nur die Wahrheit, sondern auch das Mittel für gesunde deutsch-französische Beziehungen. Im Figaro schreibt er:
"Nationalistische Klischees, so verabscheuenswert sie auch sein mögen, sind häufig aussagekräftiger als die Analysen gelehrter Politologen." Seit Madame de Staël verfolge ein Teil der französischen Literatur die immer gleiche Idee: der Franzose verkörpere die Frivolität, den "Esprit für Finesse", mit einer Prozession oberflächlicher und andienender Eitelkeiten; der Deutsche, die systemische Vorstellung, die Schwerfälligkeit, aber auch den Wahrheitswillen und Argumentationsstärke.
Ferry begeistert sich für die gegenseitige Faszination der "Vertreter von Literatur und Extravaganz" einerseits und der "der Metaphysik und Gründlichkeit" andererseits. – Jahrhunderte lang gepflegte Klischees, die "den deutsch-französischen Motor erst möglich machen", so der Philosoph. Die "Union der Gegensätze" sei nicht nur einzigartig und in ihrer Friedfertigkeit ein Beispiel ("an die Adresse von Israel und Palästinensern").
"Einerseits, eine Gesellschaft, die lange Zeit ohne Staat gelebt hat, und die heute noch so dezentralisiert ist, das der französische 'Provinzialismus' hier keine Bedeutung hat. Auf der anderen Seite, der älteste Nationalstaat", mit seinem Pariser Hof(gehabe). Hierin sah Madame de Staël den wahren Unterschied: der Mangel an einer Hauptstadt, "wo sich alle vornehmen Herren versammeln ist ein Hindernis für die Entwicklung von Geschmack in Deutschland", schrieb sie, während in Frankreich "die Nation dem Hof gefallen wollte und der Hof der Nation. [Hier] bleibt keine scharfsinnige Idee, keine dezente Nuance, die das Interesse nicht den Geist entdecken lassen will". Soziale Kontrolle gegen einen mangelnden Hang zum staatsbürgerlichen Pflichtgefühl. – An dieser Stelle weist Ferry darauf hin, wer in Deutschland Bürger rügt, die eine rote Ampel überschreiten.
Und Luther, der den Klerus zurückwies und die Wahrheit in den Herzen der Menschen suchte, in einer direkten Beziehung zu Gott und nicht durch die von der Kirche abgesegnete Lektüre der Evangelien, bis zum heutigen deutschen Umweltbewusstsein wirke dies durch und trenne es von Frankreich. Die Suche nach dem Absoluten, während Frankreich sich dem Verständnis der feinfühligen Mechanismen der sozialen Unterscheidung zuwende. "Voltaire, Tocqueville und Proust auf der einen, Kant, Hegel und Heidegger auf der anderen Seite. Wir sollte die Kraft der Klischees nicht unterschätzen", schließt Ferry, "mit der Union aller seiner Unterschiede macht das deutsch-französische Paar den Weg für das Unersätzliche frei".

