50 Jahre Mauerbau: Die Mauer zwischen Generationen
12. August 2011
Die Zeit
Hamburg
DDR-Propagandafoto der "Menschenmauer" am Brandenburger Tor, Berlin, 13. August 1961. Vier Männer verteidigen die DDR und die sozialistische Weltordnung.
Vor 50 Jahren begann der Bau der Berliner Mauer, vor über 20 ihr Abriss. Aber in den Familien besteht sie noch fort, schreibt ein junger Berliner, da Eltern und Kinder noch nicht offen über das Leben im DDR-Regime sprechen.
An Bau und Fall der Mauer wird routiniert erinnert. Es ist ein Diskurs entstanden, der vom Unrechtsstaat der DDR über die friedliche Revolution bis zur Einheit reicht. Diese kollektive Erzählung schließt aber etwas Entscheidendes aus: die letzte, dritte Generation Ostdeutschlands.
Wir, die jungen Ostdeutschen, waren vielleicht acht, zehn Jahre alt, als die Mauer fiel. Den größten Teil unseres Lebens haben wir im wiedervereinigten Deutschland mit all seinen Freiheiten gelebt. Wir sind angekommen, wir haben die alten Ost-West- Gräben hinter uns gelassen, glaubten wir beinahe selbst.
Die Mauer ist aber doch ein Teil von uns. Da gibt es ein paar verblasste Erinnerungen an die ersten Pioniernachmittage. Einige von uns haben, blind vertrauend auf die Eltern und Lehrer, an Jahrestagen Nelken getragen. Andere fühlten die Lähmung, als der elterliche Ausreiseantrag abgelehnt wurde. Scham und Stolz, vorher und nachher, liegen dicht beieinander. Aber das ist es nicht allein. Die Mauer ist vor zwanzig Jahren niedergerissen worden, doch wir fühlen sie bis heute in unseren Familien. Sie trennt inzwischen Eltern von Kindern, sie bestimmt, wie wir uns erinnern und woran.
Ein Brief von der Versicherung ruft existenzielle Ängste hervor
Mit der DDR brachen alle bisher gültigen Orientierungen zusammen. Auf einmal war nicht nur das Begrenzende, sondern auch das Schützende der Mauer weg. Und mit ihr ein Land, das nicht viele geliebt, aber in dem sich fast alle eingerichtet hatten. Von einem Tag auf den anderen mussten unsere Eltern Probleme lösen, die sie nicht kannten. Sie mussten aufholen und sich zurechtfinden in einem System, das anders war, als sie es sich erträumt hatten. So konnte ein lapidarer Brief von einem Anwalt oder einer Versicherung existenzielle Ängste verursachen, weil niemand wusste, was er eigentlich bedeutete.
Plötzlich zählten die Lebensentwürfe unserer Eltern nichts mehr. Plötzlich schien das, was sie gelebt hatten, falsch. Plötzlich waren unsere Eltern schwach. Sie mussten erst selbst herausfinden, dass Dauerwellen und die CDU ihre Versprechen nicht halten. Dabei war es egal, ob man das Kind eines Arbeiters, Pfarrers oder Funktionärs war. Alle hatten keine Ahnung, alle waren überfordert.
Diese erfahrene Unsicherheit, in den Familien, aber auch im Großen, verbindet uns, die dritte Generation Ostdeutschland. Unsere Großeltern haben noch den Krieg erlebt. Sie haben maßgeblich dazu beigetragen, die DDR aufzubauen und neue Leben zu beginnen. Unsere Eltern wurden in den fünfziger und sechziger Jahren geboren und kannten nichts anderes als dieses Land.
Selektives Gedächtnis der Elterngeneration
Zwischen 1975 und 1985 kamen etwa 2,4 Millionen Menschen in der DDR zur Welt. Sie sind die dritte Generation eines Landes, das es nicht mehr gibt. Auch wir hatten keine Erfahrungen mit dem neuen System, nur hatten wir Jungen nichts zu verlieren. Wir sahen mehr Möglichkeiten als Gefahren. Wir haben ein wenig unseren Eltern die Welt erklärt.
Die Kehrseite der tiefen Verunsicherung in dieser Zeit ist ein selektives Gedächtnis in Bezug auf die DDR. Unsere Eltern verkriechen sich in schablonenhaften Erinnerungen. Sie berichten wenig und meist nur das, was ihnen heute kein Unbehagen bereitet. Sie wollen ihre gerade neu errungene Identität nicht gefährden. So erzählen sie auch ihr Leben, lückenhaft und verträglich. Sie sprechen vom Kollektiv, in dem sie alle gearbeitet haben. Oder von Montagsdemonstrationen und organisierten Ferienreisen.
Aber wir Jungen lassen sie damit davonkommen. Wir selbst haben bisher nicht danach gefragt. Wir waren stumm. Stumm, weil wir ihre Welt nicht noch komplizierter machen wollten. Wir waren dabei, als sie sich ein neues Auto kauften, erste Westreisen machten, den Job verloren, sich in ihren Kleingarten flüchteten.
Die Nicht-Wahl zwischen Unrechtsstaat und Ostalgie
Stumm auch, als die DDR und die Nachrevolutionszeit öffentlich verhandelt wurden. Wir waren damals sehr jung und passten nicht in einen Diskurs, der einseitige Interpretationen der Geschichte hervorbrachte. Und wer wollte sich schon öffentlich zum Ostdeutschen machen? Wir sind integriert und aufstrebend, ehrgeizig und oft kapitalistischer als mancher im Westen. Wir wollten lieber unsere Herkunft loswerden, als sie zum Gegenstand einer Debatte zu machen.
Der Preis für den stummen Frieden ist, dass wir vergessen haben, zu fragen: Wie war es denn so in dem totalitären Staat? Warum hat er so lange bestanden? Wie hat sich das angefühlt, als es hieß, du musst zur Armee, sonst kannst du nicht studieren? Wo ist deine Stasiakte, damit ich sie lesen kann? Diese Fragen müssen gestellt werden, damit wir einen neuen Diskurs führen können, der vielfältiger und widersprüchlicher ist als der alte.
Wir wollen nicht mehr nur wählen können zwischen der DDR als Unrechtsstaat und einer schalen Ostalgie. Das Unausgesprochene auszusprechen heißt endlich die Mauern in unseren Familien zu beseitigen.