Gesellschaft Gesundheit

Lebensmittel: Vergurkte Krise!

3. Juni 2011
De Standaard Brüssel

Unverkaufte Gurken finden auf dem Müll bei Ziegen neue Abnehmer, Algarrobo, Andalusien, 1. Juni.

Unverkaufte Gurken finden auf dem Müll bei Ziegen neue Abnehmer, Algarrobo, Andalusien, 1. Juni.

AFP/Jorge Guerrero

Sicher, das E.coli-Bakteruim ist gefährlich. Doch sei die Panik bei Behörden und Verbrauchern überzogen. Sie schade der Wirtschaft und dem europäischen Geist, bedauert ein belgischer Journalist.

Merkwürdig, wie wenig wir aus den aufeinanderfolgenden gesundheitlichen Krisen lernen. Wir trotten vom Dioxin zu BSE, von SARS zur „Mexikanischen Grippe“ H1N1. Und nun diese ekelige EHEC-Bakterie, dazu noch eine seltsame und bedrohliche Variante. Und jedes Mal ist es dasselbe. Panik macht sich breit, Handel und Verkehr erlahmen, Wirtschaftstätigkeit schrumpft, Spannungen nehmen zu. Und bisher ist es jedes Mal so ausgegangen, dass die Folgen immer deutlich unter den dramatischen Befürchtungen geblieben sind. So gaben wir uns wieder der Illusion hin, dass Lebensmittel sicher sind, Krankheiten von Medikamenten besiegt werden und eh hauptsächlich bei anderen vorkommen. Auch dieses Mal?

Vorläufig kann man nur den Schluss ziehen, dass die wirtschaftlichen Folgen in keinem Verhältnis zur wahren Gefahr stehen. Das Bakterium ist ein Killer, doch bei den hunderten von erwiesenen Krankheitsfällen liegt die Zahl der Todesfälle bei achtzehn. Das sind achtzehn sehr unglückliche Todesfälle, aber eben nur achtzehn, ein verschwindend geringer Prozentsatz der Deutschen und Deutschlandbesucher, die in einer Woche durch andere Ursachen versterben. Kein Grund, einen ganzen Kontinent in Aufruhr zu versetzen. Es gibt bislang auch keine Anhaltspunkte, dass die Patienten selbst ansteckend wären. Kurzum: Die Pest ist das nicht.

Kurzsichtige Kommunikation richtet wirtschaftliche Katastrophe an

Katastrophal ist, wie schnell primäre Reflexe auftreten. In einer Zeit, in der Nahrungsmittel strukturell immer teurer werden, finden wir nichts Besseres zu tun, als sie wegzuwerfen, als Futtermittel zu verwerten oder auf dem Feld verrotten zu lassen. Denn niemand will sie mehr. Dass Russland und andere ferne Abnehmer ihre Grenzen schließen, ist bedauerlich, war aber nun einmal zu erwarten. Aber dass die EU einmal mehr völlig gespalten auftritt, liefert Anlass zur Sorge.

Wir sahen es in der Bankenkrise, wir sehen es in der Griechenlandkrise, wir werden es bald im Energiemarkt sehen, wo jeder im Alleingang agiert, und wir sehen es wieder hier in der Lebensmittelhysterie. Europa, das die Grenzen öffnet und offenhält, muss schmerzlich mit zusehen, wie kurzsichtige Kommunikation eine wirtschaftliche Katastrophe anrichtet, die in keinem Verhältnis zur Ursache steht.


Es gibt einen Lichtblick. Es ist die internationale Zusammenarbeit, um einen schnellen Überblick über die Krankheit und deren Behandlungsmöglichkeiten zu bekommen. Die Globalisierung zeigte in der Lebensmittelkrise ihre schwache Seite, aber auch ihre starke Seite. Wissen aus aller Welt kann blitzschnell gebündelt werden, um Lösungen zu finden.


Wird uns diese Zeit etwas lehren? Auch dieser Krise werden andere folgen. Die Frage ist nur wann und wo.

Übersetzung von Jörg Stickan