Gesellschaft Migration und Bevölkerung

Deutschland: Land ohne Mütter

4. Dezember 2012
Libération Paris

Brandenburg hat einen neuen Bürger, August 2011.

Brandenburg hat einen neuen Bürger, August 2011.

Seit Jahren versinkt in Deutschland die Geburtenrate im Rekordtief. Hauptgrund: eine, kostspielige und widersprüchliche Familienpolitik, die insbesondere die Frauen zwischen 30 und 40 trifft. Auszüge.

Frau zwischen vierzig oder fünfzig, kinderlos: dies ist der Inbegriff eines deutschen Phänomens, dass von den Demographen aufmerksam beobachtet wird. Und in der Tat haben 20 Prozent der deutschen Frauen, die zwischen 1960 und 1964 geboren wurden, keine Kinder und 22 Prozent nur ein einziges. Je höher der Ausbildungsgrad, umso höher die Wahrscheinlichkeit, dass es keinen Nachwuchs in der Familie gibt. „Ein Viertel der Akademikerinnen sind kinderlos“, erklärt Christian Schmidt von Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung, „während der Anteil bei Frauen ohne Hochschulabschluss bei 15 Prozent liegt.“ *

In Zeiten der Sparpolitik und Kürzungen der öffentlichen Ausgaben bereitet dies Phänomen in Regierungskreisen Kopfzerbrechen, sind es doch gerade die gutverdienenden Frauen, die keine Kinder haben, während die Zahl der jungen Menschen, die in armen Verhältnissen und von Sozialleistungen leben, stetig wächst. Regelmäßig prangert die deutsche Presse die „Dinks“ an („double income, no kids“, „doppeltes Einkommen, kinderlos“), denen sie Hedonismus und Egoismus vorwirft. Die Wirklichkeit sieht oft anders aus.

Weltrekord: 8 Geburten pro 1000 Einwohner

In einem Artikel der Frauenzeitschrift Brigitte mit dem Titel „Zu alt für ein Kind“ beschreibt die Journalistin Sabine Reichel die Entwicklung der Gefühle einer kinderlos gebliebenen Frau: überzeugte Feministin mit 30, mit 40 Verfechterin der großen Freiheit und mit 50 deprimiert. Niemals sollte man auf so etwas Wesentliches wie ein Kind aus angeblichen Vernunftgründen verzichten, sagt sie.

„Das Ausmaß des Phänomens der kinderlosen Frauen zwischen 40 und 50 ist der entscheidende Faktor für die niedrige Geburtenrate in Deutschland“, besagt der diesjährige Bericht des Statistischen Bundesamtes. In Deutschland gibt es 8 Geburten pro 1000 Einwohner, der niedrigste Wert weltweit. Jüngstes Rekordtief in 2011 mit 663.000 Geburten, 15.000 weniger als 2010. Wie in jedem Jahr seit 1972 ist die Bilanz negativ im Vergleich zur Sterberate mit 852.000 Todesfällen.

Allein die Zuwanderung hat es der Bevölkerung des Landes ermöglicht, den Kopf halbwegs über Wasser zu halten. Langfristig wird die Einwohnerzahl der Bundesrepublik auf 65 bis 70 Millionen sinken. Im vergangenen Jahr waren es 81,5 Millionen Menschen. „Und die Geburtenrate wird weiter sinken, ganz einfach, weil der Anteil der gebärfähigen Frauen abnimmt“, fügt Steffen Köhnert vom Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung hinzu: „Wenn auch die Zahl der Kinder pro Frau von 1,39 auf 1,4 leicht angestiegen ist.“

Teure Familienpolitik

Dieser hauchdünne Anstieg ist bisher der einzige positive Effekt der teuren Familienpolitik, die Ende der 1990er Jahre unter Helmut Kohl ins Leben gerufen wurde, und die jene aus Zeiten des Kalten Kriegs ersetzten sollte. In Deutschland herrschte damals das „bürgerliche“ Modell, welche die Frauen zwang, daheim zu bleiben: keine Tagestätten für Kleinkinder, Halbtagsschule für die größeren, und das alles bei einer Steuerpolitik, die zwar die Ehe, nicht aber das Kinderkriegen favorisierte.

In der DDR dagegen war es das sowjetische System: berufstätige Frauen, Kinder tagsüber in Kinderhorten, das Kinderkriegen wurde ermutigt, indem Wohnraum vor allem jungen Familien zugeteilt wurde. „Die westdeutsche Familienpolitik hat jahrzehntelang den sozialen Wandel blockiert“, erklärt Michaela Kreyenfeld vom Max-Plack-Institut in Rostock. „Seit der Wende ist der demographische Niedergang eine Bedrohung für den Sozialhaushalt.“

Mit einem Etat von jährlich 195 Milliarden Euro ist die deutsche Familienpolitik eine der teuersten der Welt. Man zählt sage und schreibe 160 Maßnahmen, die das Kinderkriegen ermutigen sollen, darunter ein großzügiges Elterngeld (zwölf oder vierzehn Monate lang nach der Geburt des Kindes erhält ein Elternteil 60 Prozent des Gehalts, mit einer Obergrenze von 1800 Euro), sowie monatlich 250 Euro Kindergeld pro Kind.

„Das alles ist unlogisch.“

Dennoch sind die Maßnahmen oftmals widersprüchlich. Zwar ist Merkels CDU sich heute einig, dass die Frauen im Beruf gefördert werden müssen, der ultrakonservative bayerische Koalitionspartner CSU sieht das aber anders. So wird also einerseits Kinderbetreuung gefördert (ab 2013 hat jede Familie Rechtsanspruch auf Kita-Plätze), andererseits aber die sogenannte „Herdprämie“ eingeführt (250 Euro zusätzlich für Frauen, die zuhause bleiben), deren Kosten wiederum den Bau neuer Kindertagestätten bremsen...

„Man will zwar die Frauen ermutigen, einen Job zu haben, aber beseitigt nicht die steuerliche Benachteiligung für berufstätige Mütter. Man will Kita-Plätze schaffen, führt aber gleichzeitig die Herdprämie ein“, klagt Steffen Kröhnert. „Das alles ist unlogisch.“ Und bremst einen Wandel der Mentalitäten.

Die Mehrheit der deutschen Frauen ist überzeugt, dass es für die unter Dreijährigen das Beste ist, wenn diese ausschließlich von Mutter oder Großmutter betreut werden – wie in alten Zeiten. Sie sind überzeugt, dass man als gute Mutter den Traum von der Karriere aufgeben muss. Die jungen Akademikerinnen sind allerdings nicht mehr zu denselben Opfern bereit, wie einst ihre eigenen Mütter.

* Der Text ist eine Übersetzung aus dem Französischen. Dementsprechend wurden die Zitate aus dem Französischen ins Deutsche rückübersetzt und müssen nicht dem Wortlaut der zitierten Personen entsprechen.  

Aus dem Französischen von Jörg Stickan