Politik

Separatismus: Europa zurück im Mittelalter

3. Dezember 2012
24 Tschassa Sofia

Miniaturmalerei (Ausschnitt) des Königs Portugals in der der Schlacht von Juberotes (1385). Das Werk wird einen Meister aus dem Orden vom Goldenen Vlies zugeordnet (1480)

Miniaturmalerei (Ausschnitt) des Königs Portugals in der der Schlacht von Juberotes (1385). Das Werk wird einen Meister aus dem Orden vom Goldenen Vlies zugeordnet (1480)

Ob Katalanen, Schotten oder Flamen: Europas neue Nationalisten schreiben ihre Identität groß auf die Fahnen ihrer Unabhängigkeitsbestrebungen. In Wahrheit verteidigen sie aber gleich Feudalherren ihren relativen Wohlstand, so der bulgarische Essayist Ivaylo Ditchev.

Um die separatistischen Strömungen in Europa innerhalb der letzten 20 Jahre zu verstehen, schlage ich folgendes Gedankenspiel vor: Man verbreite die Idee einer tief verwurzelten Autonomie der bulgarischen Hauptstadt Sofia mit dem Ziel, sie von ihrem Staatsgebiet abzuspalten. Dafür mobilisieren wir eine Kohorte medienwirksamer Historiker, um zum Beispiel die keltischen Wurzeln der Stadt zu beweisen. Diese geriet unter das Joch von Eindringlingen aus dem Norden, unter deren Herrschaft tausende von friedlichen und unschuldigen Christen ums Leben kamen. Die Geschichte hat viele Facetten, passende Themen gibt es genug!

Die Unabhängigkeit Sofias vom Rest des Landes, das wirtschaftlich weitaus weniger entwickelt ist, lässt seine Einwohner automatisch wohlhabender erscheinen. Von 37 Prozent des europäischen Durchschnittseinkommens würden sie auf 70 Prozent klettern. Klammert man geschickt die Roma-Viertel der Stadt aus, wären sie sogar bei 100 Prozent des europäischen Durchschnitts. Dann müssen wir unsere Stadt nur noch überall das „Luxemburg des Balkans nennen“. Alles kinderleicht!

Das gleiche gilt für München, wenn es sich aus dem deutschen „Joch“ befreien würde; London ebenso. In diesem Falle erreichten die Einkünfte ihrer Einwohner astronomische Höhen: 300 Prozent des europäischen Durchschnitts für München, bis 600 Prozent für London!

Die verlebte Solidarität

Was hält die Reichen davon ab, sich von der Last ihrer ärmeren Mitbürger zu befreien? Es darf nicht vergessen werden, dass die Balkanländer beim Untergang des Osmanischen Reiches in eine mehrere Jahrzehnte anhaltende Krise verfielen. Während des gesamten 19. Jahrhunderts zum Beispiel hing die griechische Wirtschaft am Tropf der großen internationalen Banken – genau wie heute.

Aus den Überresten des österreich-ungarischen Reiches ist ein kleines, provinzielles und folkloristisches Agrarland geworden, das Österreich heißt. In ihrer Glanzzeit besaßen beide Teile große, vom Zentralstaat kontrollierte Gebiete. Der Staat bot eine Quelle von Rohstoffen und Arbeitskräften, an die die Industrie ihre Produkte zurückverkaufte.

Dieser Austausch benötigte allerdings eine ordentliche Dosis an Solidarität: Die Reichen verwendeten einen Teil ihres Einkommens, um ihre künftigen Angestellten auszubilden, Straßen zu bauen und die Grenzen des Landes zu verteidigen. All das ist heute nicht mehr aktuell: Wenn Sofia seine Unabhängigkeit erklärt, wird es derartige Sorgen nicht haben. Die Wirtschaft findet mittlerweile auf globaler Ebene statt und die NATO gewährt Sicherheit. Die Stadt könnte ihre Tomaten in Izmir in der Türkei anstelle in Plovdiv im Süden unseres Landes kaufen; anstelle Zugführer aus dem im Norden gelegenen Vidin einzustellen, könnte sie Inder aus New Delhi beschäftigen.

Die auf die eigene Identität bezogene Konstruktion ist sicherlich wichtig, selbst wenn sie nur in der Phantasie existiert. Doch ist sie vor allem Mittel im Kampf um Macht und wirtschaftliche Ressourcen. Katalonien besitzt im Gegensatz zu Sofia tatsächlich eine tausend Jahre alte Geschichte und eine eigene Kultur und Sprache. Das wichtigste Argument der Unabhängigkeitskämpfer bleibt jedoch die Tatsache, dass die Region deutlich reicher ist als der Rest Spaniens: Die Separatisten gewinnen die Sympathie der Wähler dank ihrer Weigerung, für die anderen zu zahlen.

Gewalt, Imperialismus und Subventionen

Im Vergleich dazu sind die baskischen Freiheitskämpfer, die ohne zu zögern Gewalt und Schrecken einsetzen, sehr viel entschlossener in ihrem Kampf gegen Madrid. Ihre Unabhängigkeit scheint mir allerdings viel weiter entfernt zu sein als die ihrer katalanischen Landsleute, und das aus dem einfachen Grund, dass sie weitaus ärmer sind.

In Schottland sieht es ungefähr genauso aus. In den nächsten zwei Jahren will das Land ein Referendum zur Unabhängigkeit abhalten. Hier haben wir wieder eine alte Geschichte, kulturelle Unterschiede und den Schaden des britischen Imperialismus – kurz gesagt, das gesamte Identitäts-Arsenal, um die Unabhängigkeitsbewegung zu stützen.

Doch wäre dieser Hunger nach Unabhängigkeit derselbe, wenn man nicht in der Nordsee die Erdölvorkommen gefunden hätte, die aus Schottland ein zweites Norwegen machen könnten? Im übrigen handelt es sich hierbei um ein Land, dass sich stur weigert, der EU beizutreten. Im Vergleich dazu ist der irische Nationalismus sehr viel älter und auch blutiger. Dennoch hat sich die Mehrheit der Nordiren regelmäßig gegen eine Unabhängigkeit ausgesprochen.

Auch in Belgien fordern die Flamen ihre Unabhängigkeit aufgrund der Verarmung ihrer wallonischen Landsleute in den 70er Jahren. Vielleicht der einzige Grund, der dafür sorgt, dass dieses sympathische kleine Land noch existiert – außer dem König, dem Bier und dem Fußball – ist Brüssel. Beide Teile können sich über eine Aufteilung nicht einigen. Abgesehen davon ist der Auflösungsprozess schon weit fortgeschritten und die meisten Belgier, die ich kenne, haben sich mit der Idee abgefunden, dass ihr Land eines Tages von der Landkarte verschwindet.

Der Nationalismus Korsikas macht sehr viel mehr von sich reden, hat dafür aber sehr viel weniger Chancen, ans Ziel zu gelangen. Es ist einfach unwahrscheinlich, dass die Bevölkerung Korsikas (wo man jeden Sommer Ferienhäuser von „französischen Eindringlingen“ anzündet) auf die großzügigen Subventionen und Vorzüge aus Paris verzichten möchte.

Gewinnstreben: Regionen handeln wie Unternehmen

Wie kommt es nun also, dass auch Westeuropa dem Separatismus und der Auflösung verfällt, die beide in Osteuropa ihr Unwesen treiben? Muss man den Grund hierfür in der verantwortungslosen Politik des von der EU unterstützten Regionalismus suchen? Diese Politik hatte zum Ziel, die Nationalstaaten zu schwächen, um Brüssel zu stärken. Die Idee ging schief, denn die Staaten wurden zwar geschwächt, aber Brüssel noch mehr.

Meiner Meinung nach ist der Hauptgrund für den Verfall der Nationalstaaten die neoliberale Logik, für die der sofortige wirtschaftliche Profit das einzige und universelle Kriterium bleibt. So kommt es auch, dass sich ein Land, eine Region oder auch eine Stadt wie ein Unternehmen verhält und völlig egoistisch auf dem Weltmarkt handelt. Sichtbar wird dieser Vorgang in der Verschärfung des auf die eigene Identität bezogenen Diskurses, der immer aggressiver, sogar faschistoid wird.

Die Briten werden immer anti-europäischer, die Deutschen wollen nicht für die Eskapaden der Griechen zahlen... Der neue Nationalismus ist defensiv und über die Symbole hinaus bringt er den Wunsch einer kleinen Gruppe von Reichen zum Ausdruck, sich hinter den Mauern ihrer Burg zu verschanzen und die anderen ihrem Schicksal zu überlassen. Herzlich willkommen im Mittelalter!

Über all diese Themen wird sicherlich noch viel Tinte verbraucht werden. Doch sollten wir die Lehren der Geschichte nicht vergessen: Während Europa zum Feudalismus zurückkehrt, sind die großen Imperien auf Erfolgskurs. Das war schon so mit der Goldenen Pforte und ist auch heute noch so in China und in den USA. (sd)