In den vergangenen Monaten hat Bukarest über 100 000 Moldaviern rumänische Pässe ausgestellt und will damit seine Bevölkerungszahl in die Höhe treiben. Diese Politik, die aus der ehemaligen Sowjetrepublik ein Mitgliedstaat der Europäischen Union macht, missfällt in anderen Ländern der EU.
Rumäniens Staatschef will sein Volk mehren – und setzt auf seltsame Methoden. Großzügig werden Pässe an Hunderttausende verarmte Moldauer verteilt. Die nehmen das Angebot aus dem EU-Staat dankend an: In Scharen strömen sie in Richtung Westeuropa, um dort als Billiglöhner zu schuften. Die neuen Beitrittskandidaten der Europäischen Union stehen früh auf. Noch vor dem Morgengrauen versammeln sich Hunderte meist junger Moldauer vor dem rumänischen Konsulat in Chisinau, Hauptstadt der Republik Moldau, dem ärmsten Staat Europas.
Denis Rotari, ein gelernter Fliesenleger mit hellblauem T-Shirt und Drachentattoo am Ellenbogen, hat die Liebe hierher geführt. "Ich brauche Geld für die Hochzeit", sagt der 21-Jährige. Wie alle in der Schlange beantragt er einen rumänischen Pass. Denn der verheißt Hoffnung auf Arbeit als Tagelöhner irgendwo zwischen Rom und Lissabon.
Schon jetzt haben knapp eine Million Moldauer ihrer Heimat, deren Wirtschaftsleistung pro Kopf gerade einmal die des Sudan erreicht, den Rücken gekehrt. Sie verdingen sich als Gastarbeiter im Ausland, meist illegal. Rund 120.000 der 3,6 Millionen Einwohner verfügen bereits über Pässe des Nachbarlands, mehr als 800.000 warten laut rumänischer Regierung auf die Genehmigung gestellter Anträge. Um des Ansturms Herr zu werden, eröffnete Rumäniens Außenminister zwei neue Konsulate in den Provinzstädten Balti und Cahul – auf Kosten der EU.
Lesen Sie den Originalartikel von Benjamin Bidder in Der Spiegel