Griechenland muss glaubwürdiger werden, heißt es jetzt überall. Schluss mit dem Geseufze: Wir sollten endlich damit beginnen, mit den Lebenslügen unserer Gesellschaft aufzuräumen, schreibt die Frankfurter Allgemeine Zeitung.

Alle Kreter lügen, sagt ein Kreter. Im Original, dem Paulusbrief an Titus, klingt das philosophische Paradebeispiel für einen logisch unaufhebbaren Zirkel noch drastischer: "Einer von ihnen, ihr eigener Prophet, hat gesagt: Kreter sind immer Lügner, böse Tiere und faule Bäuche." Jetzt hat das sogenannte Paradox des Epimenides eine Wendung ins Politische bekommen. Denn alle regen sich jetzt darüber auf, dass die Griechen gelogen haben. Dass sie über ihre Verhältnisse leben. Dass sie mehr Schulden machen, als sie jemals zurückzahlen können, und den Rest Europas – oder genauer: einen Teil des Restes von Europa – als Zahlmeister voraussetzen. Das verbindet sie mit den Banken, die griechische Schuldtitel in ihre Portfolios mit aufgenommen haben, wohl vermutend, dass zwar ein Staat bankrott gehen kann, aber kein EU-Mitglied.

Doch die Aufregung ist selbst Teil der Lüge. Wir alle sind Kreter, jedenfalls, was das Lügen angeht, nicht so sehr in Sachen Selbstbezichtigung. Athen muss weiter sparen, wird durchgesagt. Aber es gibt keinen europäischen Staat, der nicht seine Bevölkerung über die fiskalische Lage im Unklaren ließe. Zum Originalartikel von Jürgen Kaube in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung...