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Krisenpolitik: Das Ende der Methode Merkel

3. Juli 2012
Frankfurter Allgemeine Zeitung Frankfurt

„Wie man krault“. — Angela Merkel muss ihre Kommunikationsform ändern.

„Wie man krault“. — Angela Merkel muss ihre Kommunikationsform ändern.

Peter Schrank

Lasst mich machen und vertraut mir! — Die typische Methode der deutschen Kanzlerin stößt in der Krise Europas an ihre Grenzen. Wenn sie Unterstützung für ihre Politik finden will, muss sie mit den Menschen auf dem ganzen Kontinent kommunizieren.

Am 16. Mai 2010 hielt Angela Merkel eine Rede vor dem Bundeskongress des DGB in Berlin. Das ist keine Sensation, die Kanzlerin redet viel. Klebte man die Ausdrucke ihrer Reden aneinander, würde das sehr weit führen. Von der Einzelrede kann man das jeweils aber nicht behaupten. Als sei das in die Öffentlichkeit entlassene Wort irgendwie ausgewildert und zu allem fähig, äußert sie nur betäubte und betäubende Sätze. Im Prinzip war es beim DGB seinerzeit nicht anders, aber der Schluss ihrer Rede dort ist ein gutes Beispiel für die Ursache der kommunikativen Misere, in die sie sich selbst und das ganze Land bugsiert hat. Sie kommt also vor den Gewerkschaften auf tausendundeinen Punkt zu sprechen, wie immer sehr respektvoll und pädagogisch ambitioniert, endet bei der kontroversen Frage der Rente mit 67 und bringt dann einen typischen Satz: „Ich bin doch hier, um mit Ihnen über die ehrlichen Gegebenheiten zu reden.“

Das sehen die Delegierten allerdings und in den vorangehenden vierzig Minuten hörten sie es auch, doch sie meinte es anders und brauchte mehrere Sätze um klar zu machen,was: „Es war schöner, als Norbert Blüm hier noch stand und gesagt hat Die Rente ist sicher. Aber es war dann hinterher nicht schön, als man gemerkt hat, dass es nicht so einfach ist.“ Sie will sagen: Mit mir gibt es keine Schönfärberei, mir geht es um die Sache. Aber ihr unterläuft ein interessanter Rangfehler: Blüm war der zuständige Bundesminister, einer von vielen, unter Kanzler Kohl. Sie ist die Kanzlerin eines ganz anderen Landes in einer ganz anderen Zeit, die mächtigste Frau Europas. Es sollte wirklich noch jemanden anderen geben, der mit den Gewerkschaften spricht. Aber im System Merkel ist das – im Idealfall – wieder nur Merkel selbst. Ihr Satz „Ich bin doch hier“ hat also eine unausgesprochene Folge: „Was wollt ihr mehr?“

Paradoxerweise absolviert die Kanzlerin zugleich ein historisch einmalig ambitioniertes Programm. Routinemäßig, so wie andere sagen, dass sie mal frischen Kaffee holen, kündigt sie an, die Finanzmärkte zu regulieren, Europa eine neue Staatsform zu verordnen, das Klima zu retten und den deutschen, europäischen und westlichen Wohlstand nachhaltig zu sichern. Und zugleich wird der Kreis derer, die das mit ihr machen, immer kleiner. Genau genommen umschließt dieses Team nur sie selbst. Das bestimmt auch ihren Stil. Viele Journalisten berichten darüber, wie gewinnend sie „im kleinen Kreis“ sein kann. Aber wenn man Europa neu formieren will, dann ist das kein kleiner Kreis mehr. Dann ist es fatal, nur auf jene Kommunikationsform zu setzen, die man beherrscht, denn das Ergebnis ist eine opake Kabinettspolitik die in der Zeit des aufgeklärten Absolutismus ihre Blüte hatte: Männer und Frauen von Rang und Esprit aus ganz Europas denken sich hinter Flügeltüren was aus und werden einig.

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