Europäerin der Woche
Iana Matei, Engel der Prostituierten
Veröffentlicht am 03 Februar 2010 | Adevarul
Die Europäerin 2010 des Reader's Digest, Iana Matei, gründete die erste rumänische Organisation, die Frauen aus der Zwangsprostitution hilft. © Lucian Munteanu / Adevarul
Iana Matei leitet ein Frauenhaus für verschleppte Prostituierte, die aussteigen und ein neues Leben anfangen wollen. Für die Rettung von 420 Frauen wurde sie vom Magazin Reader's Digest zur "Europäerin des Jahres 2010" gekürt.
Als Iana Matei vor zwölf Jahren ihr Frauenhaus für Zwangsprostituierte schuf, war es das erste dieser Art in Rumänien überhaupt. Seither konnten dank ihrer Hilfe 420 Sexarbeiterinnen der Prostitutionshölle entkommen und in ein normales Leben zurückfinden. Die Fensterläden des großen Gemeinschaftsraums sind verschlossen. Die Stille wird nur vom Ton des amerikanischen Films im Fernsehen unterbrochen. Schweigend sehen mehrere junge Mädchen gedankenverloren fern. Die Tür öffnet sich, und eine blonde Frau tritt herein: ein strahlendes Lächeln auf den Lippen. Iana Matei sieht nicht wie fünfzig aus. Mit zwei Sozialarbeiterinnen kümmert sie sich seit 1998, dem Jahr ihrer Rückkehr nach Rumänien, um das Frauenhaus für Ex-Prostituierte. Von der Polizei gesucht, hatte sie das Land 1989 verlassen.
Zuerst floh sie nach Jugoslawien, wo sie als Dolmetscherin für die Flüchtlingsorganisation der UNO arbeitete. Danach emigrierte sie nach Australien und arbeitete dort als Buchhalterin eines Busunternehmens. Kurz nach ihrer Rückkehr nach Bukarest begann die in Transsylvanien (Siebenbürgen) geborene Diplompsychologin an mehreren Projekten für Straßenkinder zu arbeiten. Eines Tages rief sie ein Polizist an: "Wir wissen nicht, wohin mit den drei Bordsteinschwalben, die wir auf der Straße aufgelesen haben." "Es waren drei halberfrorene 13- oder 14-Jährige, schlecht gekleidet und ausgehungert. Sie erzählten, dass sie von einem Zigeuner zuerst verkauft, dann zurückgekauft und schließlich auf die Straße zum Anschaffen geschickt worden waren", erinnert sich Iana. "Ich wusste nicht, wohin mit ihnen. Meine Wohnung war zu klein. Sie haben die Nacht dann im Krankenhaus verbracht. In der Zwischenzeit suchte ich nach einer Lösung."
In dieser Nacht entstand Reaching Out, das erste Frauenhaus für Opfer des Menschenhandels in Rumänien. Am folgenden Tag mietete Iana in Pitesti eine Wohnung an, in die sie mit den Mädchen einzog. Sie begann, sich um das Projekt zu kümmern, denn es musste Geld aufgetrieben werden. Kurz darauf bekam sie einen Anruf der Internationalen Organisation für Migration (IOM), die weitere Mädchen hatten, die nach einer Bleibe suchten, zumindest bis sie wieder Fuß fassen konnten: Mädchen aus Bosnien, Mazedonien und Albanien, die misshandelt und sexuell ausgebeutet worden waren. Iana mietete eine neue Wohnung.
Der Mut zur Anzeige
In der Regel kommen die Mädchen, die bei ihr landen, aus Italien und Spanien zurück, die Länder, wohin die meisten jungen Rumäninnen der Prostitutionsnetzwerke verschleppt werden, so ein Bericht des State Department der USA zum Menschenhandel. Es folgen Griechenland, die Tschechische Republik und Deutschland, wo neben der sexuellen Ausbeutung die Mädchen auch zum Betteln oder zur Arbeit auf Bauernhöfen gezwungen werden. Meistens brauchen die Mädchen medizinische Hilfe, denn sie leiden unter Schnittwunden von Rasiermessern, Brandwunden von ausgedrückten Zigaretten, sind schwanger oder leiden an posttraumatischem Stress. Zudem gibt es psychologische Unterstützung. Der Tagesablauf mit präzisen Aufgaben, die die Selbständigkeit fördern sollen, wird für die Mädchen zur Routine.
Die eigenen Familien weisen ihre Töchter meist ab: "Die Eltern werfen ihnen vor, dass sie zu Prostituierten geworden sind, dass sie auf die Kerle reingefallen sind. Sie schämen sich vor den Nachbarn. Wir sind eine kranke Gesellschaft, wo man noch nach dem Motto erzieht: 'Ich hab dich gemacht, ich bring dich auch um!' Die Eltern sind Sklaven der Vorurteile und nehmen die Ungerechtigkeit stillschweigend hin, vor allem wenn die Mädchen schwanger sind. Und die Zuhälter, um sicher zu gehen, dass die Mädchen sie nicht anzeigen, gehen sogar so weit und heiraten sie!" Und jene, die es wagen, vor Gericht zu gehen, "bekommen es mit von den Zuhältern fett bezahlten Anwälten zu tun, die dermaßen Druck ausüben, dass die Mädchen von einer Klage absehen". Und manchmal geben die Mädchen nach. Auch da unterstützt sie Iana. Sie sagt ihnen, dass sie kämpfen müssen. Die Schuldigen müssen zahlen. Nachdem sie mit den Mädchen geplaudert und gegessen hat, verlässt Iana das Haus. Auf dem Weg zum Auto kommt ein Anruf. Das Lächeln verschwindet aus ihrem Gesicht. Ihre Züge spannen sich: "Ja. Klar kannst du im Frauenhaus wohnen. Wo bist du? Keine Angst! Wir erwarten dich!"




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